Daten
Produktionsland, Jahr
BRD, 1973
Länge
2825 m, 103 min
Format
35mm, 1:1,66
Bild/Ton
Eastmancolor, Ton
FSK
ab 16 Jahre / nicht feiertagsfrei: Nr. 45819, 26. Juli 1973
Uraufführung
Simmern: Post-Lichtspiele 26. September 1973
Cast
Toni
Elke Sommer
Marga
Hannelore Elsner
Ortsgruppenleiter Scheuermann
Mario Adorf
Ritterkreuzträger Schuster
Nicolas Brieger
Hauptmann Sperlinger
Heinz Reincke
Major Kopp
Michael Janisch
Mariu Molteanu
Ferdy Mayne
Crew
Regie
Edgar Reitz
Drehbuch
Edgar Reitz
Alexander Kluge (Mitarbeit)
Alexander Kluge (Mitarbeit)
Regie-Assistenz
Alf Brustellin
Kamera
Robby Müller
Kameraassistenz
Martin Schäfer
Schnitt
Claudia Travnecek
Kostümbild
Monika Altmann
Produzent
Edgar Reitz
Redaktion
Joachim von Mengershausen
Produktionsleitung
Peter Genée
Produktionsfirma
Edgar Reitz Filmproduktion (München)
Westdeutscher Rundfunk (WDR) (Köln)
Westdeutscher Rundfunk (WDR) (Köln)
Aufnahmeleitung
Chris A. Holenia
Schnittassistenz
Ina Berlet
Ton
Günther Stadelmann
Musik
Hans Hammerschmid (musikalische Bearbeitung)
Inhalt
Deutschland im Frühjahr 1943. Nazizeit, Krieg.
Während die Männer an den verschiedenen Fronten in Hitlers Armee die Welt zu erobern versuchen, leben die Frauen zu Hause in einer Welt von Illusionen.
Auch Toni (Elke Sommer) und Marga (Hannelore Elsner), zwei hübsche junge Frauen, aus einem Städtchen im Rheinland, träumen die Träume der damaligen Frauenwelt: Kleider, Schönheit, Jugend, Sieg, „uns gehört die Welt“ – aber „wir sind eine leichtverderbliche Ware, zum alsbaldigen Verzehr bestimmt“. Als ein Fest im Heimatstädtchen veranstaltet wird, zu Ehren eines jungen Fliegerhelden namens Rudi Schuster (Nicolas Brieger), fühlen Toni und Marga, daß ihre Stunde gekommen ist.
Sie, die sich vor dem Altwerden und vor der Geldentwertung fürchten, wollen nun das Leben in der Nähe junger Helden wie Rudi ge¬nießen. Mit dem Geld, das ihre Männer vor dem Krieg verdient ha¬ben, machen Toni und Marga sich deshalb auf zu einer Vergnügungsreise nach Wien. Wien, so heißt es in Schlagern, in Filmen und im Großdeutschen Rundfunk, ist die Stadt, in der sich alle Träume der Frauen erfüllen.
Zur Zeit der Reise sind Hitlers Armeen schon auf dem großen Rückzug. In Wien erleben Toni und Marga jetzt Enttäuschung nach Enttäuschung. Sie verlieren ihr Geld an den Betrüger Molteanu (Ferdy Mayne). Junge Helden sind in ganz Wien nicht zu finden. Der selbstgeschneiderte Chic verpufft. Zwei ältere Offiziere, keine Helden, kümmern sich schließlich um die deprimierten Frauen, verbringen mit ihnen eine heitertraurige Nacht; und während der eine an die Ostfront zurückkehrt, hilft der andere Toni und Marga, den Betrü¬ger Molteanu zu fassen.
Toni und Marga haben nichts anderes mehr im Sinn, als sich ihr Recht zu verschaffen. Sie rächen sich gleichzeitig an der Männerwelt, die ihr Vertrauen mißbraucht hat. Aus Molteanus Wohnung schleppen sie große Mengen von Wertsachen, Teppiche, Mö¬bel, Porzellan, Silber usw. ab und transportieren diese Schätze in ihr Heimatstädtchen.
Als Marga nach der Rückkehr wegen einer „Schwarzschlachtung“ verhaftet werden soll, locken Toni und Marga den verantwortlichen Nazifunktionär Scheuermann (Mario Adorf) in eine Falle. Während Scheuermann in Tonis Bett noch an ein erotisches Abenteuer glaubt, schreit Marga die Nachbarschaft zusammen und behauptet, daß er Toni vergewaltigt habe. So rächen sich die beiden Frauen auch an dem Mann im Ort, der sich als Stellvertreter der abwesenden Männer fühlte. Scheuermann wird vernichtet: Strafversetzt, stirbt er kurze Zeit später in den Wäldern Rußlands. Toni aber erwartet von ihm ein Kind…
Am Ende sieht es fast so aus, als hätten Marga und Toni gelernt, sich ihrer Haut zu wehren. Aber während 1945 die Welt von damals zusammenbricht, droht auch die Freundschaft zwischen den beiden in die Brüche zu gehen.
Doch dann rollen die ersten amerikanischen Panzer in das kleine Städtchen ein. Toni und Marga stehen am Straßenrand. Sie fühlen noch unbewußt, daß jetzt auch für sie eine ganz neue Zeit be¬ginnt. Eine Zeit, die ihnen neue und vielleicht nicht weniger muntere Abenteuer bescheren kann…
Während die Männer an den verschiedenen Fronten in Hitlers Armee die Welt zu erobern versuchen, leben die Frauen zu Hause in einer Welt von Illusionen.
Auch Toni (Elke Sommer) und Marga (Hannelore Elsner), zwei hübsche junge Frauen, aus einem Städtchen im Rheinland, träumen die Träume der damaligen Frauenwelt: Kleider, Schönheit, Jugend, Sieg, „uns gehört die Welt“ – aber „wir sind eine leichtverderbliche Ware, zum alsbaldigen Verzehr bestimmt“. Als ein Fest im Heimatstädtchen veranstaltet wird, zu Ehren eines jungen Fliegerhelden namens Rudi Schuster (Nicolas Brieger), fühlen Toni und Marga, daß ihre Stunde gekommen ist.
Sie, die sich vor dem Altwerden und vor der Geldentwertung fürchten, wollen nun das Leben in der Nähe junger Helden wie Rudi ge¬nießen. Mit dem Geld, das ihre Männer vor dem Krieg verdient ha¬ben, machen Toni und Marga sich deshalb auf zu einer Vergnügungsreise nach Wien. Wien, so heißt es in Schlagern, in Filmen und im Großdeutschen Rundfunk, ist die Stadt, in der sich alle Träume der Frauen erfüllen.
Zur Zeit der Reise sind Hitlers Armeen schon auf dem großen Rückzug. In Wien erleben Toni und Marga jetzt Enttäuschung nach Enttäuschung. Sie verlieren ihr Geld an den Betrüger Molteanu (Ferdy Mayne). Junge Helden sind in ganz Wien nicht zu finden. Der selbstgeschneiderte Chic verpufft. Zwei ältere Offiziere, keine Helden, kümmern sich schließlich um die deprimierten Frauen, verbringen mit ihnen eine heitertraurige Nacht; und während der eine an die Ostfront zurückkehrt, hilft der andere Toni und Marga, den Betrü¬ger Molteanu zu fassen.
Toni und Marga haben nichts anderes mehr im Sinn, als sich ihr Recht zu verschaffen. Sie rächen sich gleichzeitig an der Männerwelt, die ihr Vertrauen mißbraucht hat. Aus Molteanus Wohnung schleppen sie große Mengen von Wertsachen, Teppiche, Mö¬bel, Porzellan, Silber usw. ab und transportieren diese Schätze in ihr Heimatstädtchen.
Als Marga nach der Rückkehr wegen einer „Schwarzschlachtung“ verhaftet werden soll, locken Toni und Marga den verantwortlichen Nazifunktionär Scheuermann (Mario Adorf) in eine Falle. Während Scheuermann in Tonis Bett noch an ein erotisches Abenteuer glaubt, schreit Marga die Nachbarschaft zusammen und behauptet, daß er Toni vergewaltigt habe. So rächen sich die beiden Frauen auch an dem Mann im Ort, der sich als Stellvertreter der abwesenden Männer fühlte. Scheuermann wird vernichtet: Strafversetzt, stirbt er kurze Zeit später in den Wäldern Rußlands. Toni aber erwartet von ihm ein Kind…
Am Ende sieht es fast so aus, als hätten Marga und Toni gelernt, sich ihrer Haut zu wehren. Aber während 1945 die Welt von damals zusammenbricht, droht auch die Freundschaft zwischen den beiden in die Brüche zu gehen.
Doch dann rollen die ersten amerikanischen Panzer in das kleine Städtchen ein. Toni und Marga stehen am Straßenrand. Sie fühlen noch unbewußt, daß jetzt auch für sie eine ganz neue Zeit be¬ginnt. Eine Zeit, die ihnen neue und vielleicht nicht weniger muntere Abenteuer bescheren kann…
Presseartikel
Mainzer Allgemeine
Neuer Film
Die Reise nach Wien
Zuerst ist alles nur komisch. Der „Große Bahnhof“ der kleinen Kreisstadt Simmern für ihren ersten Ritterkreuzträger mit hakenkreuzfähnchen schwenkenden Pimpfen und dem stiernackigen Ortsgruppen¬leiter an der Spitze zielt vordergründig auf die Lachmuskeln. Jüngere Jahrgänge unter den Zuschauern, die sich bei dem Aufmarsch der Provinz-Nazis wie in graue Vorzeit versetzt fühlen müssen, machen unbefangen ihrem Herzen Luft, die älte¬ren reagieren beklommener, prüfen skep¬tisch Szenerie und Gehabe. Ist der reprä¬sentative „Horch“ nicht eine Schuhnummer zu groß für den kleinen Parteifunktionär? Stimmen die Uniformen? Wie war das überhaupt 1943? Doch die Distanz baut sich rasch ab, und die Frisuren der jungen Frauen wirken kaum noch ulkig, je mehr sie sich als Menschen von Fleisch und Blut profilieren, ihre Situation an der „Heimat¬front“ bedrückend, ihre Lebensgier ver¬ständlich wird. Wie Edgar Reitz schon der nur pantomimisch ausgespielten Kleideranprobe knisternde Atmosphäre gibt, ist ein Kabinettstück der Regie für sich.. Da stimrnt jede Nuance, da setzt der große Spannungsbogen ein, im effektvollen Rhythmus gekonnt durch heitere Episoden aufgelockert. Der Äusbruchsversuch der beiden jungen Frauen — Hannelore Els¬ner, herzhaft ansprechend, und Elke Som¬mer, lebenssprühend und nur gelegentlich überzogen — ließe sich einfach als gut¬gemachte, abenteuerlich-spannende Unter¬haltung prädikatisieren, wenn er nicht in der barbarischen allgegenwärtigen Welt des Unmenschen angesiedelt wäre. Und das wird dem Zuschauer bis auf die Bedrohung durch die Todesstrafe für Schwarz¬schlachtung kaum aufgedrängt. Und das ist der besondere Kunstgriff der Autoren Edgar Reitz und Alexander Kluge. Auf dieser Reise von Simmern nach Wien, dem Sprung von der Marschmusik zum Kaiser¬walzer, dem fast liebevoll und in warmen Farben gezeichneten Cafehaus, exklusivem Hotel- und Spießbürgermilieu wird maka¬ber deutlich, daß es gerade die schlichten Bürger waren, die für die Nazi-Parolen anfällig waren. Selbst der sich hier voll ausspielende Mario Adorf gibt seinem vor Triebhaftigkeit schwitzenden Ortsgrup¬penleiter noch ein paar menschliche Züge, wenn ihn die Rache der Frauen eine Tra¬gödie im Kleinverschnitt durchleben läßt. Markante Gestalten im Ensemble: Heinz Reincke als Hauptmann und Michael Ja¬nisch als Major, sie haben sehr viel An¬sprechendes, die Soldaten des Führers. Und das Mainzer Publikum wird sicher mit Schmunzeln den Auftritt von Fritz Fleck als stellvertretendem Ortsgruppenleiter quittieren. Man amüsiert sich über weite Strecken dieses Films und bekommt dabei wie von ungefähr Informationen über das „Dritte Reich“. Das macht ihn so empfehlenswert.
Quelle: ?
Aufs Ritterkreuz gelegt
Ein neuer Film von Edgar Reitz: „Die Reise nach Wien‘
Es sind keine großen Gestalten, die sich hier in einer vermeintlich heroischen Zeit, be¬wegen, es sind zudem auch keine großen The¬men, die hier abgehandelt werden — vielmehr das kleine Geschehen, das Alltägliche findet hier seinen Niederschlag, das private Leben im Angesicht des Nationalsozialismus wird hier zum Ereignis. Und exemplifiziert wird ein Fall weiblichen Lebenshungers, ja weiblicher Lebensgier an zwei Frauen einer westdeut¬schen Kleinstadt, die — soweit sie überhaupt denken, was dahingestellt sei — alles andere als politisch zu denken vermögen. Allein der ganz begrenzte (und durch das kleinstädtische Milieu noch zudem eingeengte) Alltag mit all seinen kleinen Freuden und Leiden, mit sei¬nen Sehnsüchten und Träumereien bestimmt das Leben dieser Frauen, die im herkömm¬lichen Sinne nicht unbedingt böse sind, aber doch eben labil. Und da ihre Männer im Kriege sind, erweisen sich die beiden als be¬sonders gefährdet gegenüber allen Anfechtun¬gen des Lebens. Kein Wunder also, daß sie sich nicht allein nach Männern, sondern daß sie sich ganz aus-gesprochen nach Helden sehnen. Und als solch ein Held, ein an und für sich recht blasser, ja unscheinbarer Ritterkreuzträger, auf der pro¬vinziellen Bildfläche erscheint, da geht die Phantasie mit ihnen durch, da ist der einen der Parteibonze, mit dem sie gelegentlich lieb-äugelt, mit einem Male gleichgültig, da tritt selbst die Sorge um Lebensmittel und die Schwarzschlachtung eines Schweines in den Hintergrund, da dreht sich alles nur um den Mann im Glanz der Uniform. Und ist die Phan¬tasie erst einmal angeregt, dann ist ihr kein Einhalt mehr zu gebieten.
Wien heißt das neue‘ Ziel, Wien, die Stadt der Sehnsüchte kleiner Mädchen, Wien, die Stadt der Eleganz auch noch im Kriege, Wien, die Stadt der Ritterkreuzträger en masse. Nun gut, man entdeckt zur rechten Zeit ein Geld¬versteck zwischen den Dielen der Wohnung, man gönnt sich eine — für damalige Zeiten unvorstellbar luxuriöse — Reise, findet am Ziel aber weder Helden noch Reichtum an der Donau. Nur einem Betrüger geht man auf den Leim. Und die begehrte Männlichkeit müssen allein zwei ältere Offiziere ohne allzu viel Metallbehang vertreten. Immerhin können die kessen Mädchen noch einiges Gut, noch Tep-piche und Tinnef dabei herausholen; doch das alles schmilzt gar schnell auf ihrer nun schon recht mühseligen Heimreise dahin.
Ernüchterung folgt auf dem Fuß: Wegen Schwarzschlächterei wird die eine belangt; um die eigene Haut zu retten, läßt man den lü¬sternen Ortsgruppenleiter in eine tödliche Falle laufen. Und so muß man nur das Kriegs¬ende abwarten — schon stehen auf machtvol¬len Panzern neue Helden bereit. Da die Frauen sich ihrer selbst überhaupt nicht bewußt ge¬worden sind, kann das Spiel nun eigentlich von neuem beginnen. Diese Reise ins vermeintliche Glück ist ge¬wiß kein großes Thema, an dem sich Ideologien entlarven und eigene Vorstellungen demon¬strieren lassen. Um so überraschender muß es denn auch sein, daß das Buch von Edgar Reitz und Alexander Kluge stammt. Und daß Edgar Reitz den Film inszeniert hat. Weniger Zeit¬kritik zu statuieren als vielmehr mit exakten Mitteln ein ernstes Thema .unterhaltsam in Szene zu setzen, war ihre erklärte Absicht. Es ist ihnen durchaus gelungen, die Wirklich¬keit vergangener Tage nicht mit verbissenem Ernst, sondern gleichsam mit einer bestimm¬ten Gelassenheit darzulegen. Das ist von Wort_ und Regie her alles exakt angelegt, die Schauspielerführung ist nicht minder genau, wie denn auch im Detail und nicht zuletzt in der Ätmosphäre die_letzten Kriegsjahre glaubwürdig getroffen werden. Doch bei Edgar Reitz, dem kühlen, fast möchte man sagen, spröden Denker gewinnt zwar jede Szene Le¬ben, doch das ganze läßt echte, pralle Vitali¬tät vermissen. Es ist, wenn man so formulie¬ren darf, eine erdachte Wirklichkeit, eine rekonstruierte Realität, die den Betrachter immer in einem gewissen Abstand hält. Und aus dieser Distanz heraus, die nicht unbedingt die Entfernung der letzten drei Jahrzehnte ist, sieht man sich die Menschen an, deren Ver¬halten aus der gegebenen Situation heraus man durchaus verstehen kann, aber sie bewe¬gen sich fast wie hinter einer kugelsicheren Wand aus Glas: Schemen einer bösen Zeit, in der freilich die Menschen nicht ausschließlich böse waren, nicht immer nur Trübsal bliesen. Dieses unmittelbare Nebeneinander von Todesangst und Lebensgier ist zweifelsohne gutgetroffen, zumal Reitz in Elke Sommer und Hannelore Elsner zwei lnterpretinnen eines bestimmten Frauentyps gefunden hat. Das Einsame und Verspielte jener Jahre, das Hektische und auch wieder Zickige trafen sie jedenfalls recht charakteristisch. Und Mario Adorf gibt mit Einfalt den Parteibonzen zwi¬schen Wichtigtuerei und Feigheit, zwischen Dummheit und Niedertracht. Kleine Menschen sie alle, doch haben sie einen Abschnitt unseres Lebens, einen Teil unserer Erfahrungen untilgbar geprägt.
Und eine solche rekonstruierte Erfahrung ist es, was denn auch den Film von Edgar Reitz in seiner Atmosphäre und seiner Form entscheidend bestimmt.
Rheinische Post
Träume vom Endsieg
Edgar Reitz‘ neuer Film. „Reise nach Wien“
In Simmern im Hunsrück kümmern sie voll Sehnsucht dahin und träumen von der großen weiten Welt, von ordengeschmückten Ritterkreuzträgern, von den Rittergütern auf der Krim, die sie bis zum Endsieg erreicht haben wollen. Man schreibt das Jahr 1943, die Ehemänner sind im Krieg und mit ihnen alles, was an brauchbaren Wesen ihr unbefriedigtes Leben angenehmer gestalten könnte.
Toni und Marga, zwei Soldatenfrauen, voller Lebenslust und Energie haben beschlossen, sich nicht länger am häuslichen Herd zu vergraben, bis ihr Partner aus dem Krieg zurückkehren oder deren Heldentod gemeldet wird. „Es sind ja schließlich nicht wir, die die Kugeln verschießen, wir wollen ja nur den Sieg“. Ein wenig krampfhaft suchen sie nach Entschuldigungen für ihr Verhalten und dann machen sie sich — an sich selbst gestärkt — mit den wenigen Ersparnissen ihrer Stadt der tausend Träume.
Edgar Reitz und Alexander Kluge haben ein ausgezeichnetes Drehbuch für das bundesdeutsche Unterhaltungskino geschrieben. Halten sie beide jahrelang mit intellektuellem, ästhetisch-literarischem Kino für Minderheiten gedreht, so zeugt dieser jüngste Film, den Edgar Reitz inszenierte, von der Erkenntnis, wo, wie und für wen das Kino von Bedeutung ist. Thema, Machart und Stil des Films dürften auf Interesse bei einem breiten Publikum stoßen; zugleich gelang Edgar Reitz der Beweis dafür, daß man konsumierbares Kino auch anders machen kann als Antel, Jacobs und Vohrer. Während die Männer draußen an der Front einem unsinnigen Geschäft nachgehen, ratlos umherirren, nicht wissen, von welcher Seite die Kugeln herkommen, und es sie gar nicht mehr aufputschen kann, wenn ein Kurier die verlogene Anheizer-Meldung bringt, daß man dem Feind tüchtig eins auf die Schnauze gegeben habe, verprassen die beiden unternehmungslustigen Damen die Ersparnisse in der Wiener High Society, stellen den begehrten Ritterkreuzträgern nach, landen aber nur bei zwei älteren Offi¬zieren, während ihre großgeplanten Schie¬bergeschäfte an ihrer allzugroßen Vertrau¬ensseligkeit scheitern. Die Träume, sie bleiben schön, solange man sich nicht um ihre Realisierung kümmert, solange sie nicht zu Sehnsüchten werden. Am Ende des Films sind zwei Jahre vergan¬gen, ein paar Helden sind gefallen, ein paar Menschen unter die Räder gekommen, die schmucken deutschen Uniformen verschwin¬den, die US-Army tritt die Nachfolge an, die jungen Frauen stehen wieder hoffnungsvoll dabei und sehen sich die Männer an. Ob man gelernt hat von den Erfahrungen? Ein wenig — sicher, aber zu tiefgreifenden Veränderungen ist es nicht gekommen.
Man hätte aus der Geschichte eine Komödie machen können, sie wäre bestimmt in sorglosen Händen zur Farce geworden, doch Edgar Reitz hat sich für einen anderen Weg entschieden. „Wir haben uns für die realistische Seite interessiert, im Grunde hatten wir komische oder komödienhafte Momente gar nicht beabsichtigt. Wir haben uns bemüht, den Realismus so weit zu trei¬ben, daß auch das Groteske in der realisti¬schen Darstellung wieder zum Vorschein kommt und sich entfaltet“.
Reitz zeigt großes Verständnis für seine Zuschauer. Mit Zynismus hätte er die ganze Generation jener Zeit treffen können, ohne gehässig zu werden. Doch indem er das Un-verständnis, das Verharren in dem alten Be¬wußtsein als Tatsache vermittelt, geht er weit über die Belehrsamkeit und Abrech¬nung hinaus; er schafft es, jene Zeit mit ob¬jektiven Augen zu sehen.
„Die ältere Generation mußte nach dem Krieg erst mal verdrängen und gleichzeitig in einen einfachen Antifaschismus hineinmanövrieren. Und aus dieser Haltung heraus wurden alle Bilder verdrängt. Es entstand und blieb ein bilderloses Geschichtsbild. Wir haben nun die Chance wahrgenommen, die verdrängten Bilder, die bei jedem Menschen noch vorhanden sind — selbst bei denen, die wie wir Kinder waren — wieder entstehen zu lassen. So haben wir uns der Zeit anders genähert als nur moralisch. Zum andern ist es ein moderner Film, der heutige Themen zum Inhalt hat.“ (Reitz und Kluge)
Ganz ohne Bosheit ist die Geschichte freilich nicht, die Frauen liefern den bestußten Fred Schermann auf gemeine Weise ans Messer, in ihrem Egoismus gehen sie über Leichen, legen dabei aber doch wieder reali¬stisches Verhalten an den Tag. Je mehr Abstand ich von dem Film habe, desto wichtiger erscheint er mir, desto unbe-deutender werden seine Schwächen. Hier ist es gelungen, eine Zeit aus sich selbst heraus zu entlarven. Reitz nimmt die Menschen ernst, auch jene, die er nicht mag und nicht mögen kann.
„Reise nach Wien“ erinnert mich oftmals an „Mahlzeiten“: wie Reitz dort den Selbstmord des Mannes als natürliche Folge seiner Ausweglosigkeit zeigt, wie Gefühle sich so nüchtern präsentieren, daß man sie kaum wahrnimmt. Emotionen realistisch gesehen: für den anderen, der sich nicht teilt, werden sie zu einem bloßen Begriff ohne Verankerung durch Gefühl. Ausgezeichnet die beiden Frauen, eine völlig neue Elke Sommer und Hannelore Elsner in ihren ersten tragenden Rollen.
Zwei unternehmungslustige Soldatenfrauen (Hannelore Eisner, Elke Sommer) in Beglei¬tung eines deutschen Majors (Michael Ja¬nisch). Aus dem bemerkenswerten Film „Die Reise nach Wien“ von Edgar Reitz. Wenn ein Anflug von Karikatur in den Film hineinschleicht, so in der Figur von Mario Adorfs Ortsgruppenleiter. Doch auch er ist ein menschliches Wesen mit einem sinnlo¬sen Schicksal. Einzelbilder bleiben haften, setzen sich in der Erinnerung neu zusammen, verdichten sich zu Erfahrung. Wenn solches Kino beim Publikum ankommt, dann haben Reitz, Kluge und alle Beteiligten vielleicht die wichtigste Stufe im bundesdeutschen Nachkriegsfilm erreicht.
Neuer Film
Die Reise nach Wien
Zuerst ist alles nur komisch. Der „Große Bahnhof“ der kleinen Kreisstadt Simmern für ihren ersten Ritterkreuzträger mit hakenkreuzfähnchen schwenkenden Pimpfen und dem stiernackigen Ortsgruppen¬leiter an der Spitze zielt vordergründig auf die Lachmuskeln. Jüngere Jahrgänge unter den Zuschauern, die sich bei dem Aufmarsch der Provinz-Nazis wie in graue Vorzeit versetzt fühlen müssen, machen unbefangen ihrem Herzen Luft, die älte¬ren reagieren beklommener, prüfen skep¬tisch Szenerie und Gehabe. Ist der reprä¬sentative „Horch“ nicht eine Schuhnummer zu groß für den kleinen Parteifunktionär? Stimmen die Uniformen? Wie war das überhaupt 1943? Doch die Distanz baut sich rasch ab, und die Frisuren der jungen Frauen wirken kaum noch ulkig, je mehr sie sich als Menschen von Fleisch und Blut profilieren, ihre Situation an der „Heimat¬front“ bedrückend, ihre Lebensgier ver¬ständlich wird. Wie Edgar Reitz schon der nur pantomimisch ausgespielten Kleideranprobe knisternde Atmosphäre gibt, ist ein Kabinettstück der Regie für sich.. Da stimrnt jede Nuance, da setzt der große Spannungsbogen ein, im effektvollen Rhythmus gekonnt durch heitere Episoden aufgelockert. Der Äusbruchsversuch der beiden jungen Frauen — Hannelore Els¬ner, herzhaft ansprechend, und Elke Som¬mer, lebenssprühend und nur gelegentlich überzogen — ließe sich einfach als gut¬gemachte, abenteuerlich-spannende Unter¬haltung prädikatisieren, wenn er nicht in der barbarischen allgegenwärtigen Welt des Unmenschen angesiedelt wäre. Und das wird dem Zuschauer bis auf die Bedrohung durch die Todesstrafe für Schwarz¬schlachtung kaum aufgedrängt. Und das ist der besondere Kunstgriff der Autoren Edgar Reitz und Alexander Kluge. Auf dieser Reise von Simmern nach Wien, dem Sprung von der Marschmusik zum Kaiser¬walzer, dem fast liebevoll und in warmen Farben gezeichneten Cafehaus, exklusivem Hotel- und Spießbürgermilieu wird maka¬ber deutlich, daß es gerade die schlichten Bürger waren, die für die Nazi-Parolen anfällig waren. Selbst der sich hier voll ausspielende Mario Adorf gibt seinem vor Triebhaftigkeit schwitzenden Ortsgrup¬penleiter noch ein paar menschliche Züge, wenn ihn die Rache der Frauen eine Tra¬gödie im Kleinverschnitt durchleben läßt. Markante Gestalten im Ensemble: Heinz Reincke als Hauptmann und Michael Ja¬nisch als Major, sie haben sehr viel An¬sprechendes, die Soldaten des Führers. Und das Mainzer Publikum wird sicher mit Schmunzeln den Auftritt von Fritz Fleck als stellvertretendem Ortsgruppenleiter quittieren. Man amüsiert sich über weite Strecken dieses Films und bekommt dabei wie von ungefähr Informationen über das „Dritte Reich“. Das macht ihn so empfehlenswert.
Quelle: ?
Aufs Ritterkreuz gelegt
Ein neuer Film von Edgar Reitz: „Die Reise nach Wien‘
Es sind keine großen Gestalten, die sich hier in einer vermeintlich heroischen Zeit, be¬wegen, es sind zudem auch keine großen The¬men, die hier abgehandelt werden — vielmehr das kleine Geschehen, das Alltägliche findet hier seinen Niederschlag, das private Leben im Angesicht des Nationalsozialismus wird hier zum Ereignis. Und exemplifiziert wird ein Fall weiblichen Lebenshungers, ja weiblicher Lebensgier an zwei Frauen einer westdeut¬schen Kleinstadt, die — soweit sie überhaupt denken, was dahingestellt sei — alles andere als politisch zu denken vermögen. Allein der ganz begrenzte (und durch das kleinstädtische Milieu noch zudem eingeengte) Alltag mit all seinen kleinen Freuden und Leiden, mit sei¬nen Sehnsüchten und Träumereien bestimmt das Leben dieser Frauen, die im herkömm¬lichen Sinne nicht unbedingt böse sind, aber doch eben labil. Und da ihre Männer im Kriege sind, erweisen sich die beiden als be¬sonders gefährdet gegenüber allen Anfechtun¬gen des Lebens. Kein Wunder also, daß sie sich nicht allein nach Männern, sondern daß sie sich ganz aus-gesprochen nach Helden sehnen. Und als solch ein Held, ein an und für sich recht blasser, ja unscheinbarer Ritterkreuzträger, auf der pro¬vinziellen Bildfläche erscheint, da geht die Phantasie mit ihnen durch, da ist der einen der Parteibonze, mit dem sie gelegentlich lieb-äugelt, mit einem Male gleichgültig, da tritt selbst die Sorge um Lebensmittel und die Schwarzschlachtung eines Schweines in den Hintergrund, da dreht sich alles nur um den Mann im Glanz der Uniform. Und ist die Phan¬tasie erst einmal angeregt, dann ist ihr kein Einhalt mehr zu gebieten.
Wien heißt das neue‘ Ziel, Wien, die Stadt der Sehnsüchte kleiner Mädchen, Wien, die Stadt der Eleganz auch noch im Kriege, Wien, die Stadt der Ritterkreuzträger en masse. Nun gut, man entdeckt zur rechten Zeit ein Geld¬versteck zwischen den Dielen der Wohnung, man gönnt sich eine — für damalige Zeiten unvorstellbar luxuriöse — Reise, findet am Ziel aber weder Helden noch Reichtum an der Donau. Nur einem Betrüger geht man auf den Leim. Und die begehrte Männlichkeit müssen allein zwei ältere Offiziere ohne allzu viel Metallbehang vertreten. Immerhin können die kessen Mädchen noch einiges Gut, noch Tep-piche und Tinnef dabei herausholen; doch das alles schmilzt gar schnell auf ihrer nun schon recht mühseligen Heimreise dahin.
Ernüchterung folgt auf dem Fuß: Wegen Schwarzschlächterei wird die eine belangt; um die eigene Haut zu retten, läßt man den lü¬sternen Ortsgruppenleiter in eine tödliche Falle laufen. Und so muß man nur das Kriegs¬ende abwarten — schon stehen auf machtvol¬len Panzern neue Helden bereit. Da die Frauen sich ihrer selbst überhaupt nicht bewußt ge¬worden sind, kann das Spiel nun eigentlich von neuem beginnen. Diese Reise ins vermeintliche Glück ist ge¬wiß kein großes Thema, an dem sich Ideologien entlarven und eigene Vorstellungen demon¬strieren lassen. Um so überraschender muß es denn auch sein, daß das Buch von Edgar Reitz und Alexander Kluge stammt. Und daß Edgar Reitz den Film inszeniert hat. Weniger Zeit¬kritik zu statuieren als vielmehr mit exakten Mitteln ein ernstes Thema .unterhaltsam in Szene zu setzen, war ihre erklärte Absicht. Es ist ihnen durchaus gelungen, die Wirklich¬keit vergangener Tage nicht mit verbissenem Ernst, sondern gleichsam mit einer bestimm¬ten Gelassenheit darzulegen. Das ist von Wort_ und Regie her alles exakt angelegt, die Schauspielerführung ist nicht minder genau, wie denn auch im Detail und nicht zuletzt in der Ätmosphäre die_letzten Kriegsjahre glaubwürdig getroffen werden. Doch bei Edgar Reitz, dem kühlen, fast möchte man sagen, spröden Denker gewinnt zwar jede Szene Le¬ben, doch das ganze läßt echte, pralle Vitali¬tät vermissen. Es ist, wenn man so formulie¬ren darf, eine erdachte Wirklichkeit, eine rekonstruierte Realität, die den Betrachter immer in einem gewissen Abstand hält. Und aus dieser Distanz heraus, die nicht unbedingt die Entfernung der letzten drei Jahrzehnte ist, sieht man sich die Menschen an, deren Ver¬halten aus der gegebenen Situation heraus man durchaus verstehen kann, aber sie bewe¬gen sich fast wie hinter einer kugelsicheren Wand aus Glas: Schemen einer bösen Zeit, in der freilich die Menschen nicht ausschließlich böse waren, nicht immer nur Trübsal bliesen. Dieses unmittelbare Nebeneinander von Todesangst und Lebensgier ist zweifelsohne gutgetroffen, zumal Reitz in Elke Sommer und Hannelore Elsner zwei lnterpretinnen eines bestimmten Frauentyps gefunden hat. Das Einsame und Verspielte jener Jahre, das Hektische und auch wieder Zickige trafen sie jedenfalls recht charakteristisch. Und Mario Adorf gibt mit Einfalt den Parteibonzen zwi¬schen Wichtigtuerei und Feigheit, zwischen Dummheit und Niedertracht. Kleine Menschen sie alle, doch haben sie einen Abschnitt unseres Lebens, einen Teil unserer Erfahrungen untilgbar geprägt.
Und eine solche rekonstruierte Erfahrung ist es, was denn auch den Film von Edgar Reitz in seiner Atmosphäre und seiner Form entscheidend bestimmt.
Rheinische Post
Träume vom Endsieg
Edgar Reitz‘ neuer Film. „Reise nach Wien“
In Simmern im Hunsrück kümmern sie voll Sehnsucht dahin und träumen von der großen weiten Welt, von ordengeschmückten Ritterkreuzträgern, von den Rittergütern auf der Krim, die sie bis zum Endsieg erreicht haben wollen. Man schreibt das Jahr 1943, die Ehemänner sind im Krieg und mit ihnen alles, was an brauchbaren Wesen ihr unbefriedigtes Leben angenehmer gestalten könnte.
Toni und Marga, zwei Soldatenfrauen, voller Lebenslust und Energie haben beschlossen, sich nicht länger am häuslichen Herd zu vergraben, bis ihr Partner aus dem Krieg zurückkehren oder deren Heldentod gemeldet wird. „Es sind ja schließlich nicht wir, die die Kugeln verschießen, wir wollen ja nur den Sieg“. Ein wenig krampfhaft suchen sie nach Entschuldigungen für ihr Verhalten und dann machen sie sich — an sich selbst gestärkt — mit den wenigen Ersparnissen ihrer Stadt der tausend Träume.
Edgar Reitz und Alexander Kluge haben ein ausgezeichnetes Drehbuch für das bundesdeutsche Unterhaltungskino geschrieben. Halten sie beide jahrelang mit intellektuellem, ästhetisch-literarischem Kino für Minderheiten gedreht, so zeugt dieser jüngste Film, den Edgar Reitz inszenierte, von der Erkenntnis, wo, wie und für wen das Kino von Bedeutung ist. Thema, Machart und Stil des Films dürften auf Interesse bei einem breiten Publikum stoßen; zugleich gelang Edgar Reitz der Beweis dafür, daß man konsumierbares Kino auch anders machen kann als Antel, Jacobs und Vohrer. Während die Männer draußen an der Front einem unsinnigen Geschäft nachgehen, ratlos umherirren, nicht wissen, von welcher Seite die Kugeln herkommen, und es sie gar nicht mehr aufputschen kann, wenn ein Kurier die verlogene Anheizer-Meldung bringt, daß man dem Feind tüchtig eins auf die Schnauze gegeben habe, verprassen die beiden unternehmungslustigen Damen die Ersparnisse in der Wiener High Society, stellen den begehrten Ritterkreuzträgern nach, landen aber nur bei zwei älteren Offi¬zieren, während ihre großgeplanten Schie¬bergeschäfte an ihrer allzugroßen Vertrau¬ensseligkeit scheitern. Die Träume, sie bleiben schön, solange man sich nicht um ihre Realisierung kümmert, solange sie nicht zu Sehnsüchten werden. Am Ende des Films sind zwei Jahre vergan¬gen, ein paar Helden sind gefallen, ein paar Menschen unter die Räder gekommen, die schmucken deutschen Uniformen verschwin¬den, die US-Army tritt die Nachfolge an, die jungen Frauen stehen wieder hoffnungsvoll dabei und sehen sich die Männer an. Ob man gelernt hat von den Erfahrungen? Ein wenig — sicher, aber zu tiefgreifenden Veränderungen ist es nicht gekommen.
Man hätte aus der Geschichte eine Komödie machen können, sie wäre bestimmt in sorglosen Händen zur Farce geworden, doch Edgar Reitz hat sich für einen anderen Weg entschieden. „Wir haben uns für die realistische Seite interessiert, im Grunde hatten wir komische oder komödienhafte Momente gar nicht beabsichtigt. Wir haben uns bemüht, den Realismus so weit zu trei¬ben, daß auch das Groteske in der realisti¬schen Darstellung wieder zum Vorschein kommt und sich entfaltet“.
Reitz zeigt großes Verständnis für seine Zuschauer. Mit Zynismus hätte er die ganze Generation jener Zeit treffen können, ohne gehässig zu werden. Doch indem er das Un-verständnis, das Verharren in dem alten Be¬wußtsein als Tatsache vermittelt, geht er weit über die Belehrsamkeit und Abrech¬nung hinaus; er schafft es, jene Zeit mit ob¬jektiven Augen zu sehen.
„Die ältere Generation mußte nach dem Krieg erst mal verdrängen und gleichzeitig in einen einfachen Antifaschismus hineinmanövrieren. Und aus dieser Haltung heraus wurden alle Bilder verdrängt. Es entstand und blieb ein bilderloses Geschichtsbild. Wir haben nun die Chance wahrgenommen, die verdrängten Bilder, die bei jedem Menschen noch vorhanden sind — selbst bei denen, die wie wir Kinder waren — wieder entstehen zu lassen. So haben wir uns der Zeit anders genähert als nur moralisch. Zum andern ist es ein moderner Film, der heutige Themen zum Inhalt hat.“ (Reitz und Kluge)
Ganz ohne Bosheit ist die Geschichte freilich nicht, die Frauen liefern den bestußten Fred Schermann auf gemeine Weise ans Messer, in ihrem Egoismus gehen sie über Leichen, legen dabei aber doch wieder reali¬stisches Verhalten an den Tag. Je mehr Abstand ich von dem Film habe, desto wichtiger erscheint er mir, desto unbe-deutender werden seine Schwächen. Hier ist es gelungen, eine Zeit aus sich selbst heraus zu entlarven. Reitz nimmt die Menschen ernst, auch jene, die er nicht mag und nicht mögen kann.
„Reise nach Wien“ erinnert mich oftmals an „Mahlzeiten“: wie Reitz dort den Selbstmord des Mannes als natürliche Folge seiner Ausweglosigkeit zeigt, wie Gefühle sich so nüchtern präsentieren, daß man sie kaum wahrnimmt. Emotionen realistisch gesehen: für den anderen, der sich nicht teilt, werden sie zu einem bloßen Begriff ohne Verankerung durch Gefühl. Ausgezeichnet die beiden Frauen, eine völlig neue Elke Sommer und Hannelore Elsner in ihren ersten tragenden Rollen.
Zwei unternehmungslustige Soldatenfrauen (Hannelore Eisner, Elke Sommer) in Beglei¬tung eines deutschen Majors (Michael Ja¬nisch). Aus dem bemerkenswerten Film „Die Reise nach Wien“ von Edgar Reitz. Wenn ein Anflug von Karikatur in den Film hineinschleicht, so in der Figur von Mario Adorfs Ortsgruppenleiter. Doch auch er ist ein menschliches Wesen mit einem sinnlo¬sen Schicksal. Einzelbilder bleiben haften, setzen sich in der Erinnerung neu zusammen, verdichten sich zu Erfahrung. Wenn solches Kino beim Publikum ankommt, dann haben Reitz, Kluge und alle Beteiligten vielleicht die wichtigste Stufe im bundesdeutschen Nachkriegsfilm erreicht.
