Erinnerung an meinen Freund Alexander Kluge

ERINNERUNG AN MEINEN FREUND ALEXANDER KLUGE

Meine Freundschaft mit ALEXANDER KLUGE

Noch liegt er unbestattet in unseren Köpfen. Aus allen Bildschirmen und Lautsprechern tönt seit Tagen die Meldung, Alexander Kluge sei tot. Aber kann das wahr sein? Kann einer wie Kluge einfach tot sein und sich damit aus der Welt entfernen? Nein, nein, denn bei jedem Gedanken an ihn, leuchtet er hell auf und ist unvermindert anwesend! Ich höre seine Stimme. Sie streut ihre fragenden „Ja’s“ und „Nichtwahr’s“ in den ununterbrechbaren Fluss seiner Gedanken. Er ist ein Getriebener, einer der permanent durch das Geflecht der Zeiten streunt, auf der Suche nach den verborgenen Schätzen. Er ist ein Gravitationsstrom, der alles in sich hinein saugt, was ihm nahekommt. Es muss eine unerklärliche leere Zone mitten in seiner Seele gegeben haben, die ihn zu einem Sammler machte, der durch die Welt streifte und alles in seine Höhle trug, was andere übersehen hatten. Kluge sammelte alles, was unfertig war: Bilder aus Katalogen, Kinderbüchern, Kunstbänden, Illustrationen, Filmschnipsel, Familienalben, Skizzen, Grafiken, Zeitungsbilder und Entwürfe von Malern. Man könnte die Liste seiner Sammelaktionen unendlich verlängern, es gäbe kein Ende. In gleicher Weise sammelte Kluge Worte, Poesie, Musikfragmente, Opernarien, Randereignisse des Theaters, Absurditäten der Weltgeschichte, abgebrochene Entwürfe, Klatsch und Vermutungen, umstrittene Zitate, Marotten, Irrtümer, Ungereimtheiten berühmter Menschen, und Landkarten aus fernen Zeiten. Kluge sammelte Formeln, ungenutzte Ratschläge und was ihn besonders faszinierte, das waren Bilder von Galaxien, kosmischen Nebeln und unerreichbaren Sternenwelten. Seine Sammlung war ein Gebirge von unvorstellbaren Nebensachen, die er permanent auszudeuten versuchte, indem er sie neu zusammenbaute und Montagekunstwerke daraus zauberte. So schuf er Ordnungssysteme, die sofort wieder zusammenstürzten und ihre Kräfte freigaben für neue Konstrukte, die ebenso gewagt waren. Jede Verbindung ein Experiment, jede Kollage ein Spiel mit dem Gleichgewicht. Nichts war dazu da, eine ewige Wahrheit zu formulieren, alles klang wissenschaftlich und war dennoch Spiel.

Seit über 60 Jahren besteht unsere Freundschaft. Gemeinsam, vor allem in den Ulmer Jahren, haben wir unsere ersten Filme im ständigen Dialog gemacht. Wir haben unsern Alltag, die Mahlzeiten miteinander geteilt. Wir haben unsere Freundinnen in unser Beisammensein integriert und im Urlaub gemeinsam an den Stränden gelümmelt. Wir waren überzeugt, dass wir das Filmemachen miteinander neu erfinden. Wir definierten unser Verschiedensein und respektierten es. Wir hielten uns für unsterblich. Und jetzt haben wir die Bescherung! Aber ich sage: Kluge lebt, fertig!

Ich habe mich oft gefragt, aus welcher Notlage sich Alexander Kluge mit dem Gerümpel an gehorteten Anti-Schätzen befreien wollte. Worin bestand seine Schwäche, durch die allein unsere Freundschaft entstehen konnte? Warum musste er immerzu der Stärkere sein, der scheinbar aus unendlicher Fülle schöpfen konnte? An einem seiner letzten Tage habe ich ihn mitten in seiner Schwabinger Festung besucht. Sein Anblick war ein Schock, sein abgemagerter Körper war ein gebeugtes Gerippe, sein Gesicht eingefallen und von Schmerzen gezeichnet. Ich versuchte, ihn in die Arme zu nehmen, aber er taumelte und musste sich am Türrahmen festhalten. Der Tod war ihm schon ins Gesicht geschrieben. Und dennoch: Das war der Kluge, den ich seit 65 Jahren kannte, der den ersten Gedanken, den ich äußerte, sofort in seine Gedankenbahnen einwickelte und der mich mit meinen eigenen Gedanken überholte. Am Telefon hatte er geweint und gesagt, dass ich sein einziger Freund sei und dass er Sehnsucht nach mir habe, und wie schrecklich es sei, dass alle Freunde wegsterben, seine Schwester, Hannelore Hoger, Enzensberger. Als wir uns aber trafen, empfing er mich mit den bekannten Metaphern über die Randzonen der Weltgeschichte und des Kosmos. Ich ahnte schon seit unseren frühen Jahren, dass er damit eine Angst verbarg. Aber welche Angst war es jetzt? Angst vor dem Tod? Wir hielten uns bei dieser Frage an den Händen. Wir sind auf der Zielgeraden, sagte ich, um zu scherzen. Es gibt kein Ziel, meinte er. Das Ziel sei eine Metapher. In Wirklichkeit seien wir seit vierzigtausend Jahren auf der Welt, denn so alt sind die Zellen unserer Haut. Seine Hand fühlte sich kalt an. Oder waren meine Hände so heiß? Wir kehren dahin zurück, wo wir herkommen, meinte ich. Das ist ein weiter Weg, sagte er, und fügte hinzu, dass unsere nichtvollendeten Werke es sind, die uns überleben. „Das Mögliche ist stärker, als das Faktische.“

Kein menschliches Gehirn hat je so viele Metaphern und Sinnbilder produziert, wie das von Alexander Kluge. Er traute den Gefühlen nicht, weder seinen eigenen, noch denen der anderen. Seine panische Angst vor einer inneren Leere konnte er durch seine wahnwitzige Produktivität überwinden.

Sein Leben lang faszinierte ihn das Unfertige. Sobald jemand in seiner Nähe mit einer größeren Arbeit begonnen hatte, führte sein Instinkt ihn zu den Akteuren und er versuchte, auf den fahrenden Zug der Produktion zu springen. Jeder der ihn kannte, kann berichten, dass Kluge an den Schauplätzen der Arbeit auftauchte und versuchte, die Regie zu übernehmen oder, weil das so gut wie nie möglich war, vorschlug, Nebenprodukte zum gleichen Thema zu schaffen. Kluge nannte das „Beiboote“ zu produzieren. Das hörte sich so an: Dein Film verspricht ja ein großes Schlachtschiff zu werden, das allein wegen seiner Größe leicht verwundbar ist. Da müssen kleine Boote mit leichter Waffe ausgerüstet werden, die das Schlachtschiff schützen. Konkret fragte Kluge nach „Restmaterial“, nach abgebrochenen oder misslungenen Szenen, die geeignet seien, sogenannte B-Pictures daraus zu montieren. Tatsächlich ist es ihm immer wieder gelungen, Material aus fremden Filmen für seine kleinen Montagestücke zu ergattern. So sehr Kluge das Unfertige liebte, so fremd blieb ihm das Anfangen bei Null und alles Fertige. Ich habe in all den Jahren nicht ein einziges Mal erlebt, dass Kluge sich einen fertigen Film ansieht, Nach wenigen Minuten hat er jedes Kino verlassen, nicht einmal bei Premieren, die er ohnehin mied, blieb er auf seinem Sitz. Auf Festivals verdrückte er sich aus dem Saal, sobald er merkte, dass er ein in sich geschlossenes Werk vor sich hatte. (Ich werde nie vergessen, wie Kluge sich aus meiner Premiere der ANDEREN HEIMAT im Münchener Prinzregententheater kurz nach Beginn verdrückte. Geduckt huschte er durch das Foyer als würde der eingezogene Kopf ihn unsichtbar machen.) Er war kein Erzähler epischer Geschichten, Dazu fehlte ihm der ruhige Atem. Das reine Erzählen schien ihn zu langweilen. Sobald er begriffen hatte, um was es ging, stieg er aus und suchte nach Neuem. Kluges Geschichten sind illustrierte Metaphern, kurz und schräg, senden Signale aus und stehen unter Zeitdruck.

Er hat keinen einzigen meiner Filme je ganz angesehen. Als er vernommen hatte, dass HEIMAT eine Länge von 15 Stunden hat, fragte er mich, ob ich den Film tatsächlich in dieser Länge gemacht habe. Da seiner Meinung nach ohnehin kein Mensch einen so langen Film anschaut, hätte es doch genügt, nur die Nachricht von diesem Riesenepos in der Öffentlichkeit zu verbreiten. Der Erfolg läge in der Imagination, nicht in der Realisation. Immer wieder hat Kluge versucht, mit mir gemeinsam Filme zu machen. Die Zusammenarbeit bei ABSCHIED VON GESTERN blieb, das betonte er immer wieder, das Beweisstück für die ideale Kombination zweier gegensätzlicher Macher. Er sah in mir den Material-Lieferanten, der schöne rätselhafte Bilder produziert, die sich für seine Collagen eignen. Mehr als hundert Mal hat er mir vorgerechnet, wie erfolgreich wir gemeinsam sein könnten, wenn seine Konzepte mit Hilfe meiner Bildsprache auf die dann völlig unvorbereitete Menschheit träfen. Mein Instinkt sagte mir aber, dass ich mich verweigern muss, um nicht in den Strudel seiner Gravitationswellen zu geraten und ins Bodenlose zu stürzen.

Kluge war der ungeduldigste Mensch, den ich je erlebt habe. Er erinnerte mich in diesem Punkt an Leibniz, der einmal schrieb, er sei wie das Tigertier. Wenn er ein Wild nicht im ersten oder zweiten Sprung erreiche, dann lasse er es laufen. Als ich ihm vor mehr als zehn Jahren einmal erzählte, dass ich mich mit Leibniz befasste, erklärte er sofort, dass der Universaldenker sein absoluter Lieblings-Philosoph sei und bot seine Mitarbeit bei der Herstellung von „Begleit-Booten“ an. Als ich ihm aber erklärte, dass die Leibniz-Figur viele seiner, also Kluges Eigenschaften trage und dass ich versuchen wolle, seine Ungeduld als das Drama meines Protagonisten zu beschreiben, versuchte Alexander, mir das Projekt auszureden.

Ich habe versucht, die tragische Freundschaft mit Kluge in meiner Autobiographie zu beschreiben. Die Geschichte vom Starken Ferdinand erzählt von unserer Freundschaft als Drama, die Geschichte von der Rettung meines Autos in einem Nato-Manöver am Strand der Bretagne ist eine Freundschafts-Komödie. Heute, in der Stunde des Abschieds, suche ich nach einer Antwort auf die Frage, was eigentlich der Kern unserer Freundschaft gewesen ist, denn bei allen Verletzungen, bei allen unseren Gegensätzen der Naturen, hingen wir aneinander wie Geschwister. Selbst wenn wir uns über Jahre nicht gesehen hatten, blieben wir in Gedanken immer verbunden. Irgendwie war es eine Liebesgeschichte. Ich verweigerte die Freundschaft aus Angst gefressen zu werden und ich habe dennoch in jeden meiner Filme kleine Botschaften an ihn versteckt. Natürlich kann man sagen, dass wir Rivalen waren und dass wir deswegen das Terrain des anderen meiden mussten. Heute bin ich nicht sicher, ob wir uns damit einen Gefallen getan haben. So vergingen uns die Jahre und Kluge wuchs allein zu einem großen King-Kong des Geistes heran und ist jetzt vom höchsten Stockwerk des Wolkenkratzers in den Himmel aufgestiegen.

Edgar Reitz

30.03.2026

Edgar Reitz
KLUGE UND DIE GÖTTIN
Auszug aus meiner Autobiographie
FILMZEIT, LEBENSZEIT

Die DS war eine soziale Kontaktmaschine. In Frankreich erlebte ich oft, dass Leute mein Auto umkreisten und mich nach Herkunft und Technik fragten; manche wollten wissen, ob der Wagen verkäuflich sei. Ich ging über solche Fragen natürlich hochmütig hinweg. Leider wurde die Göttin mit den Jahren immer kapriziöser. Sie blieb mitten auf der Autobahn stehen und pisste ihr ganzes Hydrauliköl auf die Straße. Das wirkte wie ein Infarkt. Kluge, der dieses Desaster als Mitfahrer auf dem Weg zum Kultusministerium in Stuttgart einmal miterlebte, führte die Panne auf meinen Gemütszustand zurück. Sie spürt deinen Stress, meinte er. Ich müsse der Göttin besser zureden. Vielleicht könne ich sogar ihre erogenen Zonen herausfinden und sie öfter mal streicheln.
Der herbeigerufene Pannendienst hatte übrigens große Schwierigkeiten, weil die DS bei Verlust der Hydraulik nicht abgeschleppt werden kann. Sie war mit allen vier Füßen zu Boden gesackt.
Einmal, in München, erlebte ich nach einem Einkauf in der Innenstadt, dass man die hydraulischen Gänge nicht mehr schalten konnte.
Ich konnte nur noch rückwärts fahren. So blieb mir nichts anderes übrig, als mit abgesenktem Verdeck rückwärts durch die ganze Stadt zur Werkstatt zu fahren. Ein lächerlicher Anblick, dem ich mich da aussetzte. Aber die größte Blamage bereitete mir die Göttin im August 1973, als ich mit Petra über die Sommerferien in die Bretagne fuhr. Ich war durch Freunde an eine Traumadresse gekommen: eine Chaumiere, ein Reetdachhaus, das als luxuriöse Ferienwohnung vermietet wurde.
Dieses Paradies lag im Departement Finistere, in der Gegend von Concarneau. Wir brauchten drei Tage, um von München aus dieses Ziel zu erreichen. Unterwegs machte die Göttin gelegentlich kleine Zicken, roch nach Benzin oder stotterte mit dem Motor. Petra, der ich manches Abenteuer mit dem Wagen erzählt hatte, meinte, die Göttin sei vielleicht eifersüchtig auf sie. Letztlich gelangten wir aber komfortabel zu unserer Chaumiere. Wir richteten uns ein, erkundeten die Landschaft, fanden schöne einsame Strände und genossen unsere Tage.
Mit Kluge hatte ich vereinbart, dass auch er in die Bretagne käme, wenn wir für ihn eine angenehme Unterkunft fänden. Ich schickte ihm ein Telegramm, und wir konnten ihn bald darauf am Flughafen von Lorient abholen. Er war in Begleitung einer neuen Freundin. Sie hieß Irene und war eine sehr kluge, etwas spröde junge Frau, die sich rasch an Kluges Seite Respekt verschaffte. Die beiden bezogen ein Appartement, das in der Etage unter uns lag.
Die Geschichte handelt am ersten Tag nach ihrer Ankunft. Wir, die wir schon ortskundig waren, fuhren mit den beiden zu einem der schönen Strände. Das Badegebiet lag hinter einem kleinen Dünengebirge, sodass man das Auto neben einem der Feldwege stehen lassen musste, um den Rest des Weges zum Meer zu Fuß zurückzulegen. Wir trugen unsere Badesachen zum Wassersaum, richteten uns dort gemütlich ein und sonnten uns, plauderten, schäkerten und planschten den ganzen Tag. Als sich der Sonnenuntergang näherte, kehrten wir zum Auto zurück. Wir stiegen ein, und ich betätigte den Starterhebel. Man hörte das Anlassergeräusch, aber der Motor sprang nicht an. Ich versuchte es immer wieder, ohne Erfolg. Wir stiegen wieder aus, öffneten die Motorhaube. Ich kontrollierte die Zündkabel, die Benzinzuleitung. Alles schien in Ordnung. Kluge kam zu dem Schluss, es müsse an meiner Hysterie liegen. Hysteriker (zu denen er mich rechnete, obwohl er es am ehesten war) sendeten seiner Meinung nach die in der Parapsychologie beschriebenen PSI-Strahlen aus, die eine sensible Elektronik wie die der DS stören könne. Schließlich verlangte er, dass ich mich in das benachbarte Dünental zurückziehe, damit meine PSI-Strahlung abgeschirmt sei. Inzwischen versuchte er, den Motor zu starten. Wieder verweigerte sich die DS. Kluge war ganz versessen darauf, seine Hysterie-Theorie experimentell unter Beweis zu stellen. Irene sei die am wenigsten hysterische Person. Sie musste jetzt den Motor starten, während Kluge Petra und mich in ein noch tieferes Dünental dirigierte, wo wir uns ducken sollten, damit unsere Strahlung mit Sicherheit am Boden bliebe. Aber leider konnte auch Irene den Wagen nicht zum Laufen bringen.
Inzwischen waren verschiedene Badegäste auf uns aufmerksam geworden und näherten sich, um uns zu helfen. Die französischen Männer sind leidenschaftliche Bastler. Sofort schraubte einer von ihnen die Zündkerzen heraus und putzte die Kontakte. Ein anderer begann, die Einspritzpumpe zu zerlegen, was aber auch nicht half. Schließlich wollte ein Familienvater zum Dorf fahren und dort den Abschleppdienst beauftragen. Da ich aber wusste, dass man eine DS nicht abschleppen kann, nahmen wir das Angebot eines weiteren Badegastes an, der uns vier zu unserer Chaumiere brachte. Es war schließlich auch schon Nacht geworden.
Am nächsten Morgen half uns die Vermieterin, die Citroën-Niederlassung in Quimper zu verständigen. Wir konnten noch frühstücken, dann kam der Pannendienst. Kluge ließ es sich nicht nehmen, mit zum Strand zu fahren. So leiteten wir den Mechaniker und den Fahrer des Abschlepp-Lkws zur Badestelle des Vortages. Als wir uns dem Gelände näherten, wurden wir von einer Militärstreife angehalten. Der Soldat teilte uns mit, dass dieser Strandabschnitt für eine Militärübung abgeriegelt sei. Wir versuchten zu erklären, dass unser Auto im abgesperrten Gebiet stehe. Der Wachsoldat erklärte, es könne trotzdem nicht erlaubt werden, das Gelände zu betreten, weil mit scharfer Munition geschossen werde. Da erwachte Kluges Militärherz. Er verlangte, den diensthabenden Offizier zu sprechen. Wir wurden zu einem Kommandozelt geleitet, neben dem der Weg mit einem Schlagbaum versperrt war. Kluge stieg aus und sprach auf den Offizier ein, der Kluges bruchstückhaftes, aber umso vehementer vorgebrachtes Englisch nicht verstand.
Es hieß, dies sei ein Nato-Manöver, und das Kommando sei in Brüssel angesiedelt. Kluge verlangte nach einem Feldtelefon, um mit Brüssel verbunden zu werden.
Inzwischen sahen wir, wie große Artilleriegeschütze aufgefahren wurden, die mit Donnergetöse ihre Granaten auf ein Schiffswrack schossen, das weit draußen auf dem Meer unter den grell aufleuchtenden Explosionen zu erkennen war. Wir konnten deutlich sehen, dass die Granaten in flachem Bogen direkt über meine DS hinwegschossen. Die Göttin stand mitten im Gefechtsfeld zwischen den Dünen und funkelte in der Sonne. Kluge bekam tatsächlich eine Verbindung zu einem Beamten in Brüssel, der aber ebenfalls nichts ausrichten konnte, da auch in Brüssel keine Entscheidung möglich war. Jetzt ließ Kluge erst recht nicht locker. Er ließ sich mit dem Pentagon verbinden – ja, ich höre immer noch das Wort «Pentagonne» in meinem Erinnerungs-Ohr! Kluge stellte sich immer korrekt mit Doktortitel vor und fragte seine Gesprächspartner kundig nach ihrem Dienstgrad und ihren Kompetenzen. Schließlich erreichte er tatsächlich, dass von oberster Nato-Behörde für unseren Strandabschnitt eine Gefechtspause von fünfzehn Minuten angeordnet wurde.
Wir sprangen in den Abschlepp-Lkw, und während die Geschütze das Feuer einstellten, fuhren wir zu der schönen, widerspenstigen Göttin. Der Fachmann von Citroën wusste sofort, was zu tun war, und zog den Wagen mittels einer Seilwinde auf die Ladefläche des Lkw. Ich musste auf dem Fahrersitz meiner DS Platz nehmen und das Steuer halten. Ich war nun ein paar Minuten mit der Göttin alleine und flüsterte ihr zu: Du hast mich ganz schön in Schwierigkeiten gebracht mit deinen Zicken. Wenn du so weitermachst, ist es aus mit unserer Freundschaft. Es gibt täglich Interessenten, die dich kaufen wollen, ist dir das klar? Die Göttin war nun auf dem Lkw und wurde mit Gurten verschnürt. Als Kluge und die beiden Frauen in den Abschleppwagen gestiegen waren, gab ich Zeichen, dass ich in der DS bleibe. Wir fuhren los. Da kam mir ein Gedanke, den ich bei keinem anderen Auto gehabt hätte: Ich drehte den Zündschlüssel und betätigte den Starterhebel.
Unverzüglich sprang der Motor an, und der Wagen begann, sich wie üblich zu heben. Ich schaltete ihn sofort wieder aus. Langsam senkten sich die Räder unter den Luftfedern. Jetzt hatte ich sie ertappt, die Göttin. Wenn hier jemand hysterisch war, dann war sie es! Niemand hatte mein Experiment bemerkt.
Als wir an unserer Ferienwohnung ankamen, musste ich eine Entscheidung treffen: Entweder ich verrate den Freunden, was die Göttin mit mir gespielt hat, oder ich überlasse es dem Pannendienst, das Geheimnis zu ergründen. Ich sagte nichts. Der Lkw brachte den Wagen nach Quimper in die Werkstatt, wo wir ihn am folgenden Tag abholen konnten. Die Mechaniker hatten keinen Fehler finden können.
Der Wagen lief einwandfrei und gehorchte mir monatelang aufs Wort. Ja, aufs Wort! Denn ich hatte mir angewöhnt, mit ihr zu sprechen und eine bestimmte Stelle auf dem Armaturenbrett zu streicheln.
Die Göttin belohnte mich auf vielen einsamen Fahrten mit ihrem zarten Schnurren und sanften Wiegen, wenn ich ihr meine geheimsten Geheimnisse anvertraute.

(Das Buch FILMZEIT, LEBENSZEIT erschien 2022 im Verlag Rowohlt, Berlin.)

OBERHAUSEN 1962: Die Pressekonferenz zum „Oberhausener Manifest“ . Am Pult: Alexander Kluge und die Gruppe der Unterzeichner, Edgar Reitz sitzend 2. v.l. (Nach dem Tod von Alexander Kluge 2026 ist Edgar Reitz der letzte noch lebende „Oberhausener“.

Alexander Kluge mit Edgar Reitz 1966 bei den Dreharbeiten zu ABSCHIED VON GESTERN

Kluge und Reitz bei Dreharbeiten des Frankfurt-Films IN GEFAHR UND GRÖSSTER NOT, BRINGT DER MITTELWEG DEN TOD

Treffen auf Schloss Elmau 2008, Reitz, Kluge, Salome Kammer, ganz rechts: Kluges Schwester Alexandra Kluge

Kluge und Reitz mit ihrem kranken Freund und Filmemacher-Kollegen Norbert Kückelmann

Edgar Reitz und Alexander Kluge 2012 bei der Premiere des Films DIE ANDERE HEIMAT im Münchener Prinzregenten-Theater